Editorial. Oder: How to talk about art?

5. Juni 2018
Von Sven Sappelt

Informieren, erörtern, diskutieren – das sind die Aufgaben, die wir mit diesem Blog erfüllen möchten. Material hierfür gibt es reichlich: Texte zu Projekten, die bei uns realisiert werden; Überlegungen zu aktuellen Entwicklungen in Berlin oder Positionen zu kulturellen Zeitfragen.

Unsere Themen kreisen wie unser Veranstaltungsprogramm um zeitgenössische Kunst, Kulturwissenschaft und Urbanismus. Was sie verbindet ist unser Interesse an einer lebendigen Stadtgesellschaft und kulturell orientierten Stadtentwicklung, in der all das seinen Platz findet, was zu einem lebenswerten urbanen Lebensraum gehört. Konzeptionell zugespitzt könnte man auch von einer praktischen und theoretischen Erforschung des Raumes und seiner Grundlagen sprechen – von biochemische Prozessen der Selbstorganisation über gebaute Architekturen und Infrastruktursysteme bis zu imaginären Räumen und Zeichenwelten, die sich in visuellen Kompositionen, musikalischen Strukturen oder theoretischen Gebäuden artikulieren können. Angesichts unserer bescheidenen Möglichkeiten wäre dies zum gegenwärtigen Zeitpunkt aber vielleicht noch etwas hochtrabend formuliert.

Da uns nicht der Raum ansich, sondern der Raum als Lebensraum interessiert, geht es dabei immer auch um dessen Bedeutung für das soziale oder besser ökologische Miteinander. Mit all seinen alltäglichen Herausforderungen, Verrücktheiten und Absurditäten. Das erfreuliche Scheitern von größenwahnsinnigen Planungsvisionen zählt ebenso dazu wie das tragische Bemühen von ohnmächtigen Bürgerinitiativen um Möglichkeiten der Partizipation und Mitbestimmung. Es geht um die Kraft der Phantasie, aber ebenso um die Macht des Geldes und die Funktionsweise der Politik.

Dementsprechend versuchen wir ganz bewusst, verschiedene Felder miteinander zu verknüpfen, die auf den ersten Blick vielleicht etwas weit voneinander entfernt zu liegen scheinen. Im CLB treffen Positionen und Perspektiven aus ganz unterschiedlichen Wissenswelten und Wissensformen aufeinander. Es sind Architektinnen und Stadtentwickler, Gestalterinnen und Designer, Bildende Künstlerinnen und Kuratoren, Wissenschaftlerinnen und Publizisten, Autorinnen und Theatermacher, Musikerinnen und Komponisten, Vertreter von Stiftungen und zivilgesellschaftlichen Organisationen, aus Politik und Verwaltung.

Diese bunte Mischung hat unwillkürlich Konsequenzen für die Art und Weise wie über Kunst gesprochen wird. Die Herausforderung besteht vor allem darin, eine Sprache zu formulieren, die das jeweilige Fachwissen präzise auf den Punkt bringt und zugleich allgemein verständlich bleibt. Das impliziert zum einen die Bereitschaft, sich verständlich auszudrücken, und zum anderen die Bereitschaft, sich auf einen – mitunter durchaus missverständlichen – Dialog mit widerstreitenden Positionen einzulassen. Im Kern ist das nichts anderes als gelebte demokratische Kultur eines offenen Meinungsaustausches. Praktizierte Diskursethik könnte man auch sagen. Aber so trivial und selbstverständlich diese kultivierte Form der öffentlichen Auseinandersetzung auch erscheinen mag, ist sie doch gerade heute von besonderer Aktualität.

Man muss nicht den Tweets von Donald Trump folgen, den medialen Verwirrspielen um Fake-News oder den verletzenden Kommentaren in den sozialen Medien, um zu erkennen, wie bedroht unsere demokratische Kommunikationskultur im Innern ist. Es genügt, die Einrichtung einer „Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung und Gewalt“ für die Theater-, Film- und Musikbranche zur Kenntnis zu nehmen. Einen flüchtigen Blick auf die gehässigen Plakate mit „Tschüss, Chris“ zu werfen, die den Abschied von Chris Dercon von der Volksbühne kommentierten. Oder auch einer Pressekonferenz zur documenta 2017 beizuwohnen, bei der Adam Szymczyk als leitender Kurator – und damit ja auch gewissermaßen oberster Kunstvermittler – hinter einer Wolke selbstreferentiellen Theorienebels verschwand.

So unvergleichbar all diese kommunikativen Akte auch sein mögen, so bezeugen sie doch ein ähnliches Problem: den Unwillen oder vielleicht auch einfach die Unfähigkeit, sich mit anderen auf wertschätzende Art und Weise zu verständigen und auch Zeitgenossen außerhalb der eigenen Blase als ernstzunehmende Gesprächspartner anzuerkennen.

Wie viele Theoretiker haben sich in den letzten dreißig Jahren nicht an der „Andersartigkeit des Anderen“ abgearbeitet?! Wie viele Künstler haben nicht an der Erweiterung unserer Sensibilitäten für das darstellbare und undarstellbare Leiden anderer mitgewirkt?! Und wie viele Aktivisten haben nicht für die Rechte von Minderheiten gekämpft?!

Heute müssen wir nicht selten hilflos beobachten, wie all diese Errungenschaften von fragwürdigen Akteuren aufgegriffen und in ihr Gegenteil verkehrt werden: „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ leitet dabei in der Regel eine Behauptung ein, die sich zwar auf den Schutz der – eigenen – minoritäten Meinung beruft, letztlich aber in aller Härte gegen Andersdenkende wendet.

Ja, in einer demokratischen Kultur muss vieles gesagt werden können. Auch das, was uns nicht gefällt. Um sich aber tatsächlich einander anzunähern und Verständnis füreinander zu entwickeln, bedarf es mehr, als sich nur Meinungen oder Argumente einander an den Kopf zu werfen. Es bedarf eines Mindestmaßes an Bereitschaft, einander zuzuhören, sich aufeinander einzulassen, sich in den anderen hineinzuversetzen. Mit anderen Worten: es Bedarf eines Mindestmaßes an Empathie.

Traditionellerweise ist eben diese Empathie, dieses Mitgefühl oder auch Mitleiden das Feld der Künste, des Theaters, der Literatur. Vor dem skizzierten Hintergrund wird aber deutlich, dass es viel mehr ist: dass unsere demokratische Kultur im Kern nur dann funktioniert, wenn sie nicht allein auf Recht und Gesetz und auch nicht allein auf wissenschaftlich-rationaler Argumentation, sondern auf einem Mindestmaß an Mitgefühl für unsere Mitmenschen gründet. Auf „Brüderlichkeit“ könnte man auch sagen, oder „Solidarität“.

Einer derjenigen, der die Frage nach Erkenntnis eng mit der Frage nach Solidarität verknüpft hat, war der amerikanische Pragmatist Richard Rorty (1931-2007). Er ist für uns heute vor allem deshalb interessant, weil er eine Art philosophisch begründeter Kulturpolitik skizzierte. In seinem Buch „Kontingenz, Ironie und Solidarität“ von 1989 führte er aus, inwiefern unsere Überzeugungen letztlich immer auch dem Zufall geschuldet sind. Wie wenig wir unser Verhalten deshalb mit letzten Wahrheiten rechtfertigen können. Und warum es deshalb schlimmer ist, einem Menschen zu demütigen, als einen theoretischen Irrtum zu begehen. Was daraus folgt, sei zweierlei: Erstens ein gewisses Maß an Selbstironie, das die eigenen Überzeugungen nicht wichtiger nimmt als nötig. Und zweitens ein aktives Bekenntnis zur Solidarität mit unseren Mitmenschen, wie mit anderen Lebewesen und der Umwelt. „Aktiv“ deshalb, weil es darum geht, nicht einfach nur zuzuschauen, sondern öffentlich dafür einzutreten, dass die „Demütigungen des Menschen durch den Menschen“ geringer werden.

Übertragen auf den Kultur- und Wissenschaftsbetrieb könnte das heißen, dass man die Pluralität der Positionen und Perspektiven nicht als Konkurrenz oder gar Bedrohung wahrnimmt, sondern als Bereicherung. Dass man der Vielfalt von Stimmen, Geschichten und Narrativen ganz bewusst Raum einräumt. Und dass man endlich auch – wie jüngst von der #MeToo Bewegung angestoßen – soziale Missstände und Machtmissbrauch in öffentlichen Kultureinrichtungen bekämpft. Es bedeutet auch, dass man eine kommunikative Praxis und Sprache pflegt, die nicht auf Distinktion und Differenz zielt, sondern auf Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten. Die nicht das Trennende und Hierarchisierende, sondern das Verbindende und Gemeinschaftliche in den Vordergrund stellt.

Wenn wir nun also diesen Blog starten, dann geht es ganz bewusst auch um die Frage nach der Art und Weise, wie wir hier über Kunst, Kulturwissenschaft und Urbanismus nachdenken, schreiben und diskutieren wollen. Wie wir unsere eigene Kommunikationskultur und Diskursethik pflegen und weiterentwickeln wollen. Und wie wir dies nicht einfach nur als Stil, sondern als politische Haltung tun können. Eine Haltung, die immer auch ein Quäntchen an Selbstironie mit beinhaltet.

Für all diese Fragen haben wir momentan eher offene Ansätze als fertige Antworten zu bieten. In diesem Sinne betrachten wir diesen Blog auch als ein Übungsfeld für unsere eigene kommunikative Praxis. Das Ziel besteht hierbei darin, eine Sprache zu finden, die den Anforderungen der Künste und Wissenschaften ebenso gerecht wird, wie den Anforderungen der res publica – der Öffentlichkeit und Politik. Das passendste Format dafür scheint uns der Essay zu sein – also der Versuch über einen Gegenstand mit durchaus subjektiver Färbung. Wer sich an dieser kleinen Übung künftig beteiligen möchte, ist herzlich eingeladen, das in Form von Kommentaren oder eigenen Beiträgen zu tun. Die Plattform ist eröffnet – wir sind gespannt, was daraus wird…

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